Hauptprospekt: Einzelheiten einer Zugangstür

Die Ausschmückung des Gehäuses – ein unvergleichlicher Reichtum

Der Schmuck des Gehäuses der Gröninger Schloss-Kapellen-Orgel ist ganz und gar außergewöhnlich. Er zeigt den Charakter eines kühnen Barock mit starken Einflüssen der italienischen Schule. Auf den ersten Blick könnte man denken, der Dekor entstamme der Bewegung der Gegen-Reformation. Wir befinden uns zwar am Ende des 16. Jahrhunderts; aber bestimmte bildhauerische Elemente lassen schon an eine Vorwegnahme des Rokoko-Stils denken. Sie treten manchmal unmittelbar neben Schnitzformen und symbolischen Figuren auf, die den typischen Renaissance-Geist ausstrahlen.

Die größte Pfeife der Türme und der Flachfelder ist umgeben von getriebenem und vergoldetem Zierrat. Diese Form der Ornamente erfordert genaueres Nachdenken. Entfernt erinnern sie an einfaches Flechtwerk; aber es handelt sich in Wirklichkeit um sehr feine Stilisierungen von Saiten- und Holzblas-Instrumenten. Außerdem sind Flöten und Zinken sowie exotische Früchte dargestellt und sogar eine Jagd-Trophäe. Die verschiedenen Instrumente befinden sich auch an den Außenseiten der Pedaltürme, dieses Mal auf ein Holzbrett gemalt. Wenn man alle erhabenen Partien des Gehäuses betrachtet, dann stellt man fest, dass nicht die geringste Oberfläche vorhanden ist, die nicht geschnitzt, bemalt oder vergoldet ist und eine große Menge dekorativer Figuren und Cherubim aufweist.

Die Zugangstüren zu den Werken des Klein-Pedals und des Brustwerkes haben eine noch typischere Renaissance-Bemalung. Sie stellen ebenfalls musizierende Engel dar, die Laute und Bass-Viole oder Violon-Cello spielen sowie Blasinstrumente in der Form des Jagdhorns. Viele vorzugsweise exotische Früchte sind auf der gesamten Oberfläche des Gehäuses dargestellt. Das Gehäuse des Rückpositivs, das sich heute in Harsleben in der Nähe von Halberstadt befindet, zeigt den gleichen Typus der Verzierung, reich bestückt mit symbolischen Figuren. Man könnte meinen, es sei eine Wiederholung des großen Gehäuses; doch davon hat es nichts. Die Motive sind zwar von gleicher Machart; aber der Dekor ist mit einer auffällig unabhängigen Sorgfalt hergestellt worden. Dieses Gehäuse ist vor nicht allzu langer Zeit restauriert worden,  und dabei hat man das originale Blau und Gold durch ein Rot ersetzt. Um einen Gesamteindruck beider Gehäuse zu gewinnen, muss man sich jedoch eine farbliche Einheit vorstellen.

Der mit der Ausschmückung des Gehäuses beauftrage Künstler muss sehr berühmt gewesen sein, denn es scheint, dass ihm bei der Durchführung seiner Arbeit vollständige Gestaltungsfreiheit überlassen worden ist. Diese Pracht der Gröninger Orgel  ist gewiss dem Willen des Herzogs Heinrich Julius zu danken, der sich des Ansehens und der Unvergleichlichkeit der Arbeit des Künstlers bediente, um die Phantasie des Betrachters zu überraschen und ihn auf den Initiator des gesamten Werkes hinzuweisen.

Quelle: Jean-Charles Ablitzer: Die David-Beck-Orgel in der Schlosskapelle zu Gröingen – 1770 in die St.Martini-Kirche zu Halberstadt umgesetzt